Was braucht es, um ein Buch in die Hände zu nehmen, von dem man nichts gehört, nichts gelesen hat? Ist es die Umschlagsgestaltung, der Titel, der Name der Autorin, des Autors, der Preis oder ganz einfach der Zufall? Das Buch, das so in meine Hände kam, ist gelb. Ich denke an mein Büchergestell. In der gleichen Farbe befinden sich dort Rolf Geissbühlers «Opera» und Gedichte von Durs Grünbein, «Grauzone morgens», aber im Unterschied zu diesen weist das Buch in meinen Händen geometrische Figuren auf, die das Gelb entzweien. Grautöne nehme ich an, aber ich bin farbenblind. Umschlagbild: Rudolf Hurni, 1992, 30×60 cm. «Schattensprünge», so der Titel des Buches, ist das Erstlingswerk von Andreas Neeser. Die Fotografie im Innern des Umschlages ist so aufgenommen, dass der Autor leicht nach oben schauen muss. Ein junges, ernstes Gesicht, grosse Augen, kurze Haare, die aber die Stirn bedecken. Andreas Neeser, geboren 1964 im Kanton Aargau, hat an der Universität Zürich Germanistik, Anglistik und Literaturkritik studiert. Seit 1987 lebt er in Aarau und arbeitet als Mittelschullehrer im Teilamt. Dies die Information. Das Buch beginnt mit einem Zitat von Fernando Pessoa:
Das ganze Leben der menschlichen Seele ist eine Bewegung im Halbschatten. Wir leben in einer Dämmerung des Bewusstseins, niemals dessen sicher, was wir sind, oder dessen, was wir zu sein glauben.
Deshalb Schattensprünge, denke ich, deshalb die Grautöne.
«Der Dämon hat mich noch nicht verlassen. D.» Mit diesem Satz beginnt die Geschichte, die aus Notizhefteinträgen und nicht abgeschickten Briefen aufgebaut ist. 37 Kapitel zu etwa gleichen Teilen auf Paul und Doris verteilt. Ein durchkonstruiertes Buch.
Paul Wiederkehr, ein Mann mit grossen literarischen Ambitionen, liebt die Jurastudentin Doris Hartmann. Eine unmögliche Liebe. Wiederkehr begreift, dass er bedroht ist. Er kann sich nicht lösen, er verliert seine Kräfte. Er flieht nach England, wo er schreibend zu sich zurückfindet.
Notizhefteintrag, 17. Dezember:
Das Buch wächst. Schreiben heisst überleben. Ich schreibe von dir. Jeden Tag. Meine erste Romanheldin! – Wenn alles geschrieben ist, werde ich mit dem Vergessen beginnen. (…) Dass es dich gibt, weiss ich erst dann mit letzter Gewissheit, wenn ich von dir geschrieben habe.
Eine literarische Konstruktion also? Doris Hartmann? Paul Wiederkehr und die anderen?
Nicht, weil ich mir einbilde, ich hätte etwas zu sagen, schreibe ich. Vielmehr muss ich schreiben, um sicher zu sein, dass ich reden gelernt habe. Strenggenommen schreibe ich also, um sicher zu sein, dass ich lebe.
Wiederkehr muss sich erschaffen, muss Doris erschaffen, muss sich ihre gemeinsame Geschichte erschaffen. Da lauert die Gefahr, der «Dämon». An gewissen Stellen wirkt das Buch wie die venezianische Halbmaske, welche Doris bedroht: «Die Tiefe war schwarz und leer; denn hinter der Maske war kein Gesicht. Die Gestalt war körperlos.»
Als sich Wiederkehr geheilt fühlt – die letzten Kapitel seines Buches hat er noch nicht geschrieben – kehrt er wieder in seine Heimat zurück. Er wähnt sich stark genug für ein Leben ohne die in seinem «Buch der Ruhe» – ein Gegenentwurf zu Pessoas «Buch der Unruhe» – beschriebene Doris. Doch als sie vor der Tür steht, drohen seine neue Kraft und seine Abwehrmechanismen sich als unnütz zu erweisen. Wiederkehr kehrte gerne wieder zu Doris zurück.
Schreibend kann er sich durch eine Eiszeit mit darauf folgender Frühlingsschmelze reinwaschen und retten.
«So ruhe denn in Frieden. P.» Dies der letzte Satz von Paul Wiederkehr und der letzte Satz im Buch von Andreas Neeser.
Ich schliesse das Buch und ruhe mich an dem leuchtenden Gelb aus. Paul Wiederkehr, Doris Hartmann sind jetzt eingeschlossen. Vielleich wird Andreas Neeser das «Buch der Ruhe» zu Ende schreiben. Es wäre schön. Vielleicht wird es so sein, wie es Giorgio Manganelli humorvoll erklärt hat, dass das Buch «in einem bestimmten Moment beschliesst, sich jetzt schreiben zu lassen, und zu diesem Zweck eine besonders wehrlose Person benützt».
Francesco Micieli